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Wissenswertes
Der Schmerz ist verheerend
(AZ, 5.2.2008)

Schmerzen bei Neugeborenen beeinträchtigen die kindliche Entwicklung. Dabei wurde ihnen bis in die 1980er-Jahre kein Schmerzempfinden attestiert.

Wenn einem Kleinkind etwas wehtut, kann es sich nicht verbal mitteilen. Es verzieht das Gesicht und fängt an zu schreien. Aber vielleicht hat es gar keine Schmerzen, sondern nur Hunger? Angesichts solcher Unsicherheiten erstaunt es nicht, dass Schmerzen bei Kinder oft unterschätzt werden. Viele Erwachsene sind ohnehin der Meinung, ein bisschen Wehhaben müsse ein kleines Kind aushalten können, nach dem Motto: Was dich nicht umbringt, macht dich stark.

Doch dies ist eine krasse Fehleinschätzung, wie man heute weiss: Schmerzen können bei Kindern verheerende Auswirkungen haben. Insbesondere betrifft dies Neugeborene, die zu früh zur Welt kommen und dadurch einen ungleich härteren Start ins Leben erfahren als termingerecht geborene Babys. "Die Schmerzerfahrung bei Säuglingen tritt zu einem Zeitpunkt auf, an dem die Natur eigentlich beruhigende Erfahrungen vorgesehen hat", erläuterte Sunny Anand am Kongress "Schmerzmanagement bei Neugeborenen", der vor kurzem am Berner Inselspital stattgefunden hat. "Wiederholte Schmerzen sind physiologisch störend und schaden der kindlichen Hirnentwicklung."

Anand forscht an der Universität Arkansas und gilt als Pionier zum Thema. In seinen Studien konnte der aus Indien stammende Kinderarzt zeigen, dass Kinder, die nach der Geburt immer wieder Schmerzen litten, später im Leben mit Beeinträchtigungen zu kämpfen haben. Beispielsweise, indem sie extrem schmerzempfindlich sind, oder im Gegenteil unterdrückte Verhaltensreaktionen auf den Schmerz zeigen. Auch kognitive Einschränkungen können eine Folge der frühen Schmerzerfahrung sein. Diese äussern sich in Lernschwierigkeiten, Aufmerksamkeitsdefiziten, Hyperaktivität, motorischen Problemen und anderen neurologischen Auffälligkeiten.

Anands Untersuchungen belegen, dass akuter oder entzündlicher Schmerz in bestimmten Hirnregionen des Neugeborenen zu Veränderungen oder Absterben von Zellen führt, was die sich erst entwickelnden Gehirnfunktionen nachhaltig beeinträchtigt. Je unreifer das Hirn bei der Schmerzerfahrung, desto gravierender die Spätfolgen. Werden hingegen schmerzstillende Medikamente verabreicht, lässt sich dies weitgehend vermeiden.

Hier liegt denn auch die Crux: Die Medizin attestierte Säuglingen lange gar kein oder nur ein geringes Schmerzempfinden. Nach vor 30 Jahren wurden in vielen Spitälern Neu- und Frühgeborene ohne Schmerzmedikamente operiert. In den USA hielt sich bei manchen Aerzten gar bis vor kurzem die Lehrmeinung, eine Beschneidung sei einem neugeborenen Jungen ohne Narkose zuzumuten. Man dachte im Ernst, das Schmerzempfinden eines Kindes verhalte sich proportional zum Körpergewicht.



Ob Neu- oder Frühgeborene Kinder Schmerzen empfinden, wird unter Wissenschaftern zum Teil noch immer kontrovers diskutiert, trotz der inzwischen gesicherten Erkenntnis, dass sich die schmerzleitenden Nervenbahnen bei einem Fötus bereits im zweiten Schwangerschaftsdrittel ausbilden. In der Praxis setzt sich aber immer mehr die Einsicht durch, Schmerzzustände bei den Kleinsten seien zu verhindern oder zumindest zu lindern, insbesondere bei den Frühchen. Denn: "Schmerzen haben nicht nur fatale Langzeitfolgen, sie lösen auch akut grossen Stress aus, wodurch sich die Kinder weniger rasch von ihren Eingriffen erholen", sagte Eva Cignacco vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Basel, die den Kongress federführend organisiert hatte.

Viele Neugeborenen-Intensivstationen arbeiten mit einem Erfassungsinstrument, um den Schmerz der kleinen Patienten zu beurteilen. Der Berner Schmerzscore für Neugeborene beispielsweise, der in etlichen Schweizer Kliniken angewendet wird, erfasst harte Parameter wie Puls und Atmung, aber auch subjektive Eindrücke wie die Mimik eines Kindes.

Vor grösseren Eingriffen wie etwa dem Einlegen eines Brustraum-Schlauchs sollte ein Kind nach Meinung der Fachleute ein schmerzstillendes Medikament bekommen, beispielsweise ein Opiat. Auch auf nicht pharmakologische Weise lassen sich die Schmerzen der Kleinen lindern, wie Eva Cignacco in Bern erklärte. Sehr bewährt habe sich das Nuckeln an Glukosestäbchen oder auch das feste Einbinden in ein Tuch oder Streicheln durch die Mutter und den Vater.

Die schmerzlinderne Wirkung dieser Massnahmen gilt in der Fachwelt inzwischen als erwiesen. Doch Wissen allein reicht nicht aus, wie die kanadische Pflegewissenschafterin Céleste Johnston von der McGill Universität in Montreal ausführte. "In vielen Neugeborenen-Abteilungen wird die Schmerzbehandllung arg vernachlässigt, obwohl die Verantwortlichen es eigentlich besser wüssten."

Das hätten mehrere Studien aus verschiedenen Ländern gezeigt. Auch eine Umfrage in neonatologischen Intensivstationen, die nebst Deutschland und Oesterreich auch die Schweiz erfasste, machte die Diskrepanz zwischen Wissen und Praxis deutlich: Nur 6 bis 7 Prozent der Kinder bekamen vor dem Absaugen der Lungen oder einer Blutabnahme an der Ferse schmerzstillende Massnahmen. Dabei wären manche so einfach.

 
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